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Migration und Identität – Wo bin ich zu Hause?

Migration und Identität – Wo bin ich zu Hause?

Autorin
Veröffentlicht
24.09.2026
Autorin
Veröffentlicht
24.09.2026

Wo sind Sie eigentlich zu Hause?

Eine einfache Frage, auf die es selten eine einfache Antwort gibt. Für manche ist Zuhause ein Ort, für andere eine Sprache, ein Geruch, ein Mensch. Wer sein Herkunftsland verlassen hat, kennt oft mehrere Antworten gleichzeitig – und manchmal fühlt sich keine davon ganz vollständig an.

Mit einer Migration verändert sich nicht nur die Adresse. Es verändern sich Beziehungen, Alltag, Sprache und Rollen. Und manchmal verändert sich auch das eigene Bild davon, wer man ist.

Wenn Heimat mehr ist als ein Ort

Viele Menschen, die migriert sind, kennen dieses Gefühl des Dazwischen.

Im Herkunftsland sind Sie bei einem Besuch vielleicht plötzlich diejenige, die „von drüben“ kommt. Vieles ist vertraut, und gleichzeitig hat sich etwas verändert. Sie selbst haben sich verändert.

Im neuen Land kennen Sie inzwischen die Sprache, den Alltag und die Regeln. Vielleicht fühlen Sie sich längst angekommen. Und trotzdem gibt es Momente, in denen Sie sich fremd fühlen: wenn ein Witz nicht verstanden wird, eine bestimmte Redewendung fehlt oder ein Lied aus der Kindheit Erinnerungen weckt, die niemand um Sie herum teilt.

Dann können Fragen auftauchen:

„Wer bin ich heute? Was gehört noch zu mir? Was habe ich zurückgelassen? Und wo ist mein Platz?“

Solche Fragen sind nicht ungewöhnlich. Sie bedeuten nicht, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Identität ist nichts Unveränderliches. Sie entwickelt sich im Laufe unseres Lebens – durch Erfahrungen, Beziehungen und Veränderungen. Migration kann diesen Prozess besonders deutlich machen.

Anpassen, ohne sich zu verlieren

Ankommen in einem neuen Land bedeutet meist auch Anpassung. Sie lernen neue Regeln und Umgangsformen kennen, finden sich in einer anderen Arbeitswelt zurecht und entwickeln vielleicht eine neue berufliche oder soziale Rolle.

Anpassung ist zunächst etwas Wichtiges. Sie schafft Orientierung und kann dabei helfen, sich in einer neuen Umgebung zugehörig zu fühlen.

Schwierig kann es werden, wenn daraus mit der Zeit der Eindruck entsteht:

„Ich muss anders sein, damit ich dazugehöre.“

Vielleicht zeigen Sie bestimmte Seiten von sich weniger als früher. Ihren Humor, Ihre Direktheit, Ihre Art, Nähe zu zeigen oder Ihre Vorstellungen davon, wie Beziehungen funktionieren sollen.

Gleichzeitig können die Erwartungen der Familie oder des Herkunftsumfelds weiterwirken. Vielleicht möchten Sie den eigenen Weg gehen und haben trotzdem das Gefühl, jemanden zu enttäuschen. Oder Sie bewegen sich ständig zwischen unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie Sie als Frau, Partnerin, Mutter oder Tochter sein sollten.

Das kann anstrengend sein.

Und manchmal entsteht dabei auch ein Gefühl von Verlust, über das wenig gesprochen wird. Es geht nicht nur um Menschen, die zurückgeblieben sind. Manchmal vermisst man auch eine bestimmte Selbstverständlichkeit, eine Rolle, eine Sprache oder die Person, die man an einem anderen Ort einmal war.

Auch dafür darf es Raum geben.

Müssen Sie sich für eine Seite entscheiden?

Nicht unbedingt.

Zwischen zwei Kulturen zu leben bedeutet nicht zwangsläufig, sich für eine entscheiden zu müssen. Es kann auch bedeuten, aus verschiedenen Erfahrungen etwas Eigenes zu entwickeln.

Vielleicht bleiben Ihnen bestimmte Werte aus Ihrer Herkunft wichtig, während Sie andere Vorstellungen neu bewerten. Vielleicht ist eine Sprache mit bestimmten Gefühlen und Erinnerungen verbunden, während eine andere die Sprache Ihres Alltags geworden ist. Vielleicht möchten Sie manche Traditionen weitergeben und andere bewusst nicht.

Heimat darf mehr als einen Ort haben.

Sie können mit einem Ort verbunden bleiben und gleichzeitig an einem anderen Ort ein Zuhause aufbauen. Das eine muss das andere nicht ersetzen.

Die eigene Identität neu entdecken

Es braucht oft Zeit, bis sich aus all diesen Erfahrungen ein eigenes Gefühl von Identität entwickelt.

Dabei können Fragen hilfreich sein:

  • Was aus meiner Herkunft möchte ich bewahren?
  • Was möchte ich hinter mir lassen?
  • Welche Werte sind wirklich meine eigenen?
  • Welche Erwartungen kommen von meiner Familie oder meinem Umfeld?
  • Wo fühle ich mich zugehörig?
  • Welche Seiten von mir möchte ich in meinem heutigen Leben stärker zeigen?

Sie müssen darauf keine endgültigen Antworten finden. Es geht vielmehr darum, die eigene Geschichte anzunehmen und zunehmend selbst zu entscheiden, was davon zum eigenen Leben gehören soll.

Wenn das Leben zwischen den Kulturen belastend wird

Das Leben zwischen verschiedenen kulturellen Prägungen kann bereichernd sein. Es kann aber auch mit Einsamkeit, inneren Konflikten oder Überforderung verbunden sein – besonders dann, wenn unterschiedliche Erwartungen miteinander kollidieren. Das kann beispielsweise die Beziehung zur Familie betreffen, Partnerschaft, Selbstständigkeit, Rollenbilder oder die Frage, wie das eigene Leben aussehen soll. Wenn das Gefühl der Fremdheit oder Einsamkeit über längere Zeit anhält und Sie im Alltag belastet, kann es hilfreich sein, darüber mit einer Fachperson zu sprechen. Das gilt auch dann, wenn zusätzlich Niedergeschlagenheit, Ängste, Schlafprobleme oder das Gefühl entstehen, den eigenen Halt zu verlieren.

In der Psychotherapie können auch widersprüchliche Erfahrungen ihren Platz haben. Sie müssen sich nicht für eine Seite entscheiden und auch keine bestimmte Identität erfüllen.

In meiner Arbeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie steht Ihre persönliche Geschichte im Mittelpunkt. Ich arbeite klientenzentriert und gehe nicht von einer vorgegebenen „richtigen“ Lösung aus. Entscheidend ist für mich, wie Sie Ihre Erfahrungen erleben, was Ihnen heute wichtig ist und welchen eigenen Weg Sie daraus entwickeln möchten.

Und wo ist nun Zuhause?

Vielleicht ist Zuhause der Ort, an dem Sie sich nicht erklären müssen. Ein Mensch, bei dem Sie sich angenommen fühlen. Eine Sprache, in der Sie sich ganz ausdrücken können. Oder das Gefühl, mit den verschiedenen Teilen Ihrer Geschichte leben zu können.

Migration verändert eine Biografie. Sie bedeutet aber nicht, dass Sie einen Teil von sich aufgeben müssen.

Aus verschiedenen Sprachen, Erfahrungen und Lebenswelten kann etwas Eigenes entstehen.

Vielleicht ist die Frage deshalb irgendwann nicht mehr nur:

„Wo bin ich zu Hause?“

Sondern auch:

„Was brauche ich, damit ich mich in meinem eigenen Leben zu Hause fühlen kann?“

Wenn Sie sich in diesen Gedanken wiederfinden und darüber sprechen möchten, können Sie gerne Kontakt zu mir aufnehmen. Ich biete klientenzentrierte Psychotherapie in Berlin an – auf Deutsch und Russisch. In einem ersten Gespräch können wir gemeinsam schauen, was Sie gerade beschäftigt und welche Unterstützung für Sie passend sein könnte.

© Alena Steinke Heilpraktikerin für Psychotherapie. All rights reserved.